Average True Range

Die Average True Range ( ATR ) in einem Tageschart gibt die durchschnittliche Handelsspanne der letzten Tage an. Die Handelsspanne eines einzelnen Tages ist dabei die Differenz zwischen dem höchsten Kurs des Tages und dem tiefsten Kurs des Tages. Um aus den Handelsspannen der einzelnen Tage die Average True Range zu errechnen, werden die Handelsspannen aufsummiert und dann durch die Anzahl der Tage geteilt.

Zur Berechnung des ATR Indikators müssen die Werte der Average True Range für die vorhergehenden Tage berechnet werden. Diese ATR Werte werden dann in einem separaten Chart unterhalb des Kurscharts eingezeichnet. Der ATR Indikator zeigt also die Veränderung der Handelsspanne im Laufe der Zeit an.

Berechnung der Average True Range


Die Average True Range wird in zwei Schritten berechnet.

Im ersten Schritt werden die Handelsspannen der einzelnen Tage errechnet.

Im zweiten Schritt wird aus den errechneten Handelsspannen ein Durchschnitt gebildet, der als Average True Range bezeichnet wird.

Schritt 1. Berechnung der Handelsspanne


Die Average True Range wurde, wie viele technische Indikatoren, von Welles Wilder Jr. entwickelt.

Der Begriff True Range kann auf Deutsch mit wahre Handelsspanne übersetzt werden. Wilder nutzte diese Bezeichnung, da er nicht nur die Bewegung innerhalb des betrachteten Tages beobachtete, sondern auch berücksichtigte, ob der Kurs bei Handelseröffnung mit einer Kurslücke eröffnet hatte.

Zur Berechnung der Kursspanne werden daher der Tageshöchstkurs, der Tagestiefstkurs und der Schlusskurs des Vortags betrachtet. Welche der der drei Werte zur Berechnung der Handelsspanne benutzt werden, hängt davon ab, ob sich zwischen den Tagen eine Kurslücke befindet oder nicht.

Beispiel

Zur besseren Erklärung sehen wir uns unten zwei Beispiele an. Die Kurse wurden in Form von Kerzencharts dargestellt, da hier die Kurslücken am besten zu erkennen sind.

In beiden Beispielen soll die Handelsspanne für die jeweils rechte Kerze berechnet werden. Die Handelsspanne ist als blaue Klammer eingezeichnet.

Average True Range Kursspanne 1

Fall 1. Keine Kurslücke zwischen den Kerzen

Im ersten Fall liegt der Schlusskurs der vorherigen Kerze zwischen dem Höchstkurs und Tiefstkurs der aktuellen Kerze.

In diesem Fall wird die Handelsspanne berechnet, indem der höchste Kurs vom tiefsten Kurs abgezogen wird.

True Range = Höchstkurs – Tiefstkurs

Kursspanne 2

Fall 2. Kurslücke zwischen den Kerzen

Anders sieht es aus, wenn der Schlusskurs der Vorkerze nicht zwischen Höchstkurs und Tiefstkurs liegt. Dies geschieht dann, wenn der Kurs zu Tagesbeginn mit einem Gap eröffnet hat und dieses Gap nicht im Handelsverlauf geschlossen werden konnte.

In diesem Fall wird die Handelsspanne aus dem Schlusskurs der Vorkerze und dem am weitesten vom Schlusskurs der Vorkerze entfernten Punkt gebildet. In unseren Beispiel wäre die Handelsspanne die Differenz aus Schlusskurs und Höchstkurs.

Wenn der Kurs am aktuellen Tag gestiegen ist, wird der vorherigen Schlusskurs also vom aktuellen Höchstkurs abgezogen.

Ist der Kurs hingegen gefallen, so wird der aktuelle Tiefstkurs vom Schlusskurs der Vorkerze abgezogen.

Schritt 2. Berechnung des Durchschnitts aus den Handelsspannen


Die Average True Range ist ein Durchschnitt, der aus den Handelsspannen der letzten Tage errechnet wird. Zur Berechnung müssen also neben der aktuellen Handelsspanne zusätzlich die Handelsspannen der vorherigen Tage ermittelt werden.

Dann wird aus diesen Werten ein einfacher Durchschnitt gebildet, indem die Handelsspannen der einzelnen Tage zuerst zusammengerechnet und dann durch die Anzahl der Tage geteilt werden.

Wie viele Tage zur Berechnung der Average True Range herangezogen werden, muss vom Trader selbst entschieden werden. Der am häufigsten genutzte Wert, der auch in vielen Chartprogrammen als Standardeinstellung festgelegt ist, ist eine Periodenlänge von 14 Tagen. In diesem Fall wird der ATR als ATR(14) bezeichnet.

Berechnung der Average True Range anhand eines Beispiels

Für den unten stehenden Chart soll der Average True Range der letzten 5 Tage – der ATR(5) – berechnet werden.

Average True Range Beispiel

Um den ATR(5) für die letzte Kerze zu berechnen müssen zuerst die wahren Handelsspannen für die letzten 5 Kerzen berechnet werden. Bei den ersten vier Kerzen liegt der vorherigen Schlusskurs zwischen Höchst- und Tiefstkurs der Folgekerze. Zur Berechnung der Handelsspanne werden also Höchstkurs und Tiefstkurs voneinander abgezogen.

Handelsspanne Kerze 1: 101 – 98 = 3

Handelsspanne Kerze 2: 102 – 99 = 3

Handelsspanne Kerze 3: 101 – 99 = 2

Handelsspanne Kerze 4: 101 – 98 = 3

Die letzte Kerze hat mit einer Kurslücke eröffnet. Der Schlusskurs der Vorkerze liegt unterhalb des Tiefstkurses von Kerze 5. Daher wird die Handelsspanne aus dem Schlusskurs von Kerze 4 und dem Höchstkurs von Kerze 5 berechnet.

Handelsspanne Kerze 5: 103 -101 = 2

Zur Berechnung der Average True Range werden nun die fünf Werte zusammengerechnet und durch die Anzahl der Werte (5) geteilt.

Summe: 3 + 3 + 2 + 3 + 2 = 13

ATR (5) = 13 / 5 = 2,6

Berechnung des ATR Indikators


Zur Berechnung des ATR Indikators wird die Average True Range nicht nur für den aktuellen Tag sondern auch für die zurückliegenden Tage berechnet. Dann werden die ATR Werte der aufeinanderfolgenden Tage in einen Chart eigetragen und miteinander verbunden. Die so entstandene Linie zeigt die Veränderung der Handelsspanne im Zeitablauf an.

Kurschart und ATR Indikator

Der ATR Indikator wird normalerweise in einem separaten Chart unterhalb des Kurscharts eingetragen (Abbildung oben).

Sinkt die Linie des ATR Indikators, so zeigt dies an, dass die Schwankungsbreite der Kurse abnimmt.

Steigt die Linie des ATR Indikators, bedeutet dies, dass die durchschnittliche Handelsspanne zunimmt.

Der ATR Indikator zeigt also die Schwankungsbreite oder die Volatilität des Kurses an. Der Verlauf der ATR Line ist auch davon abhängig, wie viele Tage zur Berechnung der Average True Range herangezogen wurden. Ein ATR Indikator mit kleiner Periodenlänge zeigt stärkere Ausschlage als ein Indikator mit einer größeren Periodenlänge.

Achtung: Der ATR Indikator gibt nur Informationen über die Veränderung der Handelsspanne an. Er gibt keinen Hinweis auf die Richtung der Kursbewegung. Ein Ansteigen der ATR Linie deutet also nicht auf ein Steigen des Kurses hin.

Einsatz der Average True Range im Trading


Die Average True Range wird auf recht vielfältige Weise im Trading eingesetzt.

  • Sie kann genutzt werden um die Volatilität von Börsenkursen abzubilden.
  • Die Average True Range dient in einigen Charts als Größeneinheit.
  • Sie wird genutzt um die Position von Stopp Kursen festzulegen.
  • Der ATR Wert wird zum Erstellen von Trendkanälen benötigt.

Einsatz in Renko und Point and Figure Charts

Bei den bekannten Kerzen- und Liniencharts wird nach Ablauf einer bestimmten Zeiteinheit ein neuer Wert in den Chart eingetragen. Beispielsweise werden in einem Tageschart nach Ablauf eines Tages ein neuer Kurs eingezeichnet.

Einige andere Chartarten wie der Point and Figure Chart oder der Renko Chart berücksichtigen solche Zeiteinheiten hingegen nicht. Statt dessen wird immer dann ein neuer Balken oder Kasten eingetragen, wenn der Kurs um eine bestimmte Einheit steigt oder fällt. Diese Einheit kann ein absoluter Wert, ein prozentualer Wert oder ein ATR Wert sein. Wird ein absoluter Wert gewählt, könnte beispielsweise bei jeder Kursbewegung um einen Euro ein neuer Kasten eingetragen werden. Wird hingegen der ATR Wert gewählt, so wird ein neuer Kasten in den Chart eingetragen, sobald der Kurs um einen ATR Wert fällt oder steigt.

Einsatz des ATR Wertes als Stoppkurs

Der ATR Wert kann sowohl als Stopp zur Begrenzung eines Verlustes eingesetzt werden, als auch dazu genutzt werden, um eine Position nach dem Erreichen eines bestimmten Gewinnziels automatisch zu schließen.

Average True Range als Stoppkurs

Stop Loss Order zur Verlustbegrenzung

Eine Stop Loss Order zur Verlustbegrenzung wird eingesetzt, um eine Position vor einem allzu großen Verlust zu schützen. Die Stop Loss Order sorgt dabei dafür, dass die Position automatisch geschlossen wird, sobald sich der Kurs um einen bestimmten Wert in die falsche Richtung bewegt hat. Der Trader nimmt also einen kleinen Verlust in Kauf, um sich vor einem großen Verlust zu schützen.

Schauen wir uns dazu das Beispiel oben an. Ein Trader möchte oberhalb der letzten Kerze eine Kaufposition eröffnen (schwarzer Pfeil). Er setzt also auf steigende Kurse. Um seine Position abzusichern, möchte er eine Stop Loss Order unterhalb seines Einstiegskurses positionieren. Die Stop Loss Order löst nun automatisch eine Verkaufsorder aus, sobald ein festgelegter Kurs unterschritten wird.

Nun stellt sich für den Trader die Frage, an welchem Punkt im Chart er genau die Stop Loss Order positionieren soll. Viele Trader setzen ihre Stop Loss Orders in die Nähe von charttechnischen Widerständen. Eine weitere Möglichkeit ist es, die Position der Stop Loss Order mit Hilfe der Average True Range zu berechnen. In diesem Fall zieht der Trader zur Berechnung des Stop Loss Kurses einfach den Wert der aktuellen Average True Range von seinem Einstiegskurs ab.

Stop Order zur Gewinnmitnahme

Ebenso kann er festlegen, dass die Position automatisch geschlossen wird, sobald der Kurs einen bestimmten Punkt oberhalb seines Einstiegspunktes erreicht hat. Er legt also fest, dass er automatisch aus der Position aussteigt, sobald er einen vorher festgelegten Gewinn erzielt hat. Dieses Vorgehen macht vor allem dann Sinn, wenn er mit einer relativ kurzfristigen Kursbewegung rechnet und er nur einen kleinen Gewinn mitnehmen möchte.

In diesem Fall wird der ATR Wert auf den Einstiegskurs aufgeschlagen, um den automatischen Ausstiegspunkt festzulegen. Statt des einfachen ATR Wertes kann hier auch ein Vielfaches des ATR Wertes gewählt werden.

Die Average True Range als Bestandteil von Trendkanälen

Mehrere Trendkanalsysteme nutzen die Average True Range als obere und untere Begrenzung für ihre Trendkanäle.

Keltner Kanal: Der Keltner Kanal besteht aus drei Linien. Die mittlere Linie zeigt den Verlauf des exponentiell gleitenden Durchschnitts der letzten 20 Tage. Zur Berechnung der oberen Linie wird zu diesem Durchschnitt der ATR Wert hinzugerechnet. Um die die untere Begrenzung zu berechnen, wird der ATR Wert vom Wert des gleitenden Durchschnitts abgezogen. Wenn der Kurs die obere Begrenzung durchbricht, wird dies als Signal für weitere steigende Kurse gesehen. Durchbricht der Kurs den Kanal hingegen nach unten, so deutet dies auf weiter fallende Kurse hin.

Starc Bänder: Die Starc Bänder werden auf sehr ähnliche Weise wie der Keltner Kanal berechnet. Auch hier fungiert ein gleitender Durchschnitt als Mittellinie. Allerdings wird hier mit einem exponentiell gleitenden Durchschnitt der letzten 6 Perioden ein Durchschnitt mit einer sehr kleinen Periodenlänge gewählt. Das obere und das untere Band sind jeweils um den zweifachen ATR Wert von der Mittellinie entfernt. Dadurch sind die Starc Bänder deutlich breiter als der Keltner Kanal. Im Gegensatz zum Keltner Kanal gilt ein Durchbrechen der Starc Bänder nicht als Signal für eine Fortsetzung des Trends, sondern sie zeigen vielmehr an, dass die bestehende Bewegung überdehnt ist und bald mit einer Trendumkehr zu rechnen ist.


Weitere Artikel


38 Tage Linie schneidet 200 Tage Linie

Wie werden Einstiegs- und Ausstiegssignale mit Hilfe der 38 Tage Linie und der 200 Tage Linie erzeugt? Wie gut funktionierte die Strategie in der Praxis?


20 Tage Durchschnitt und die 20 Tage Linie

Der 20 Tage Durchschnitt wird in der technischen Analyse verwendet, um kurzfristige Trendbewegungen besser erkennen zu können. Daneben wird der Durchschnitt genutzt, um Einstiegs- und Ausstiegssignale zu erzeugen.