Naked Call oder ungedeckter Call | Erklärung mit Beispiel

Beim Naked Call oder ungedeckten Short Call verkauft ein Stillhalter eine Option oder einen Optionsschein, dessen Basiswert er nicht besitzt.

Wie funktioniert ein Naked Call oder ungedeckter Call ?


Ein Optionsgeschäft hat immer zwei Parteien. Bei einer Call Option oder einem Call Optionsschein erhält der Käufer das Recht einen Basiswert zu einem festgelegten Preis ( dem Basispreis) vom sogenannten Stillhalter zu kaufen. Der Stillhalter wiederum ist verpflichtet dem Käufer den Basiswert zum festgelegten Preis zu verkaufen.

Wenn ein Anleger vom Stillhalter eine neue Option kauft, zahlt er ihm einen Preis für die Option, die sogenannte Prämie. Die Höhe der Prämie ist unter anderem abhängig vom Abstand zwischen dem Basispreis und dem aktuellen Kurs, der Volatilität des Basiswertes und der Laufzeit der Option.

Solange der Kurs des Basiswertes unterhalb des Basispreises notiert, macht es für den Käufer der Option keinen Sinn von seinem Recht Gebrauch zu machen und vom Stillhalter zu fordern, dass er ihm den Basiswert zum festgelegten Preis verkauft. Notiert der Kurs des Basiswertes zum Verfallstag unterhalb des Basispreises, so verfällt die Option wertlos. Dies ist das Szenario, auf das der Stillhalter hofft. In diesem Fall hat er die Prämie kassiert, ohne dass er den Basiswert liefern musste.

Notiert der Basiswert hingegen oberhalb des Basispreises, so könnte der Käufer vom Stillhalter fordern, dass er ihm den Basiswert zum festgelegten Preis liefert. Da der Stillhalter bei einem Naked Call nicht im Besitz des Basiswertes ist, muss er diesen nun selbst an der Börse zum aktuellen Kurs kaufen. Da der aktuelle Kurs höher ist als der Basispreis, den er vom Besitzer der Option erhält, macht er damit einen Verlust.

Beispiel mit vier Szenarien


Zum besseren Verständnis sehen wir uns dazu das untenstehende Beispiel an. Der Stillhalter hat in unserem Beispiel einem Anleger eine Call Option über eine Aktie A verkauft. Der Basispreis der Option liegt bei 110€. Im Augenblick notiert die Aktie bei 100€. Für die Call Option hat der Stillhalter vom Käufer 5€ erhalten. Da der Stillhalter einen Naked Call hält, müsste er im Forderungsfalle selbst zuerst die Aktie kaufen.

Im Folgenden sehen wir uns vier Szenarien an, um darzustellen, in welchen Situationen die Stillhalter mit seinem ungedeckten Call Gewinne oder Verluste machen würde. In allen vier Fällen nehmen wir an, dass die Option das Ende ihrer Laufzeit erreicht hat.


Szenario 1. Der Kurs der Aktie fällt auf 90€.

Das ist der Idealfall für den Stillhalter. Die Option verfällt wertlos und der Stillhalter hat mit seinem Naked Call die Prämie kassiert, ohne dafür eine Leistung erbringen zu müssen. Sein Gewinn beträgt also 5€.


Szenario 2. Der Kurs bleibt bei 100€.

Da der Kurs bei 100€ und damit unter dem Basispreis von 110€ liegt, muss der Stillhalter auch hier den Basiswert nicht liefern. Auch in diesem Fall macht er einen Gewinn von 5€.


Szenario 3. Der Kurs steigt auf 112€.

Nun ist der Kurs über den Basispreis gestiegen. Der Stillhalter muss den Basiswert zu einem Preis von 110€ an den Besitzer der Option verkaufen. Da er einen Naked Call hält, muss er dazu zuerst die Aktie an der Börse kaufen. Er kauft die Aktie also für 112€ und muss sie dann für 110€ an den Besitzer der Option weiterverkaufen. Mit diesen Transaktionen macht er einen Verlust von 2€. Da er aber zuvor durch die Option eine Prämie von 5€ erhalten hat, macht er mit dem gesamten Geschäft einen Gewinn von 3€.


Szenario 4. Der Kurs steigt auf 130€.

Im letzten Szenario ist der Kurs nun deutlich stärker gestiegen. Wenn der Stillhalter nun die Aktie kauft, muss er dafür 130€ ausgeben. Er erhält aber nur 110€ vom Käufer des Call Optionsscheins. Der Stillhalter macht also einen Verlust von -20€. Zieht man von diesem Verlust die Prämie von 5€ ab, so bleibt immer noch ein Gesamtverlust von -15€.


Das letzte Szenario zeigt die Gefahr, die der Naked Call mit sich bringt. Wenn der Kurs des Basiswertes stark steigt, führt dies beim Naked Call zu hohen Verlusten. Dabei sind diese Verluste nicht nach oben begrenzt. Der Naked Call führt also im Idealfall zu kleinen Gewinnen, kann aber im Worst Case Szenario zu erheblichen Verlusten führen.

Naked Call und Covered Call im Vergleich


Während der Stillhalter beim ungedeckten Call oder Naked Call den Basiswert nicht besitzt, befindet sich beim gedeckten Call oder Covered Call der Basiswert im Besitz des Stillhalters. Der Stillhalter muss den Basiswert im Forderungsfall also nicht erst kaufen. Dadurch macht er keine Verluste, wenn der Kurs des Basiswertes stark ansteigt, da er in diesem Fall nicht den Basiswert zuerst teuer einkaufen muss.

In der Tabelle unten sehen Sie die Gewinne und Verluste, die einem Investor in den vier Szenarien von oben entstehen, wenn er in einen gedeckten Call, einen ungedeckten Call und in die Aktie direkt investiert.

Kurs Basiswertgedeckter Callungedeckter CallAktie
90€– 5€+ 5€– 10€
100€+ 5€+ 5€0
112€+15€+ 3€+12 €
130€+15€– 15€+ 30 €

Wie nicht anders zu erwarten, macht eine direktes Investment in die Aktie Gewinn, wenn die Kurse steigen und Verluste, wenn die Kurse fallen.

Wie auch schon in unserem Beispiel oben gesehen, macht ein Investor mit einem Naked Call einen kleinen Gewinn, wenn die Aktie fällt oder seitlich verläuft. Steigt der Kurs der Aktie hingegen, macht er einen Verlust.

Beim gedeckten Call ist es genau umgekehrt. Wenn der Kurs der Aktie stark fällt, macht er Verluste, da er die Aktie beim gedeckten Call selbst hält. In allen anderen Szenarien macht er hingegen Gewinne. Allerdings sind seine Gewinne bei einem starken Kursanstieg geringer als bei einem direkten Investment in die Aktie.

Weitere Artikel


Long Call und Short Call bei Optionsscheinen und Optionen


Was ist die Long Short Strategie ?


Was sind lineare und logarithmische Charts ?